Am Ende des Regenbogens

Freitag, 19. Mai 2017

Manchmal schreibe ich, ohne zu denken. Dann fließen die Worte einfach so aus meiner Hand. Die Gedanken dazu kommen später, kreisen um das Geschriebene und spinnen sich weiter, stellen Fragen und finden Antworten, lassen Bilder entstehen oder ganze Geschichten. Manchmal. 
So schrieb ich hier, "dass am Ende des Regenbogens ein Fahrrad steht." - Wie bitte? Ein Fahrrad? So ein Quatsch! Am Ende des Regenbogens ist ein Topf mit Gold vergraben, das weiß doch jeder!



Das weiß sogar das Knopfmännchen. Neulich hörte es, wie das Schaf zum Einhorn sagte: "Ein Topf mit Gold, stell dir nur vor!" 



Dem Einhorn war das aber egal, denn Einhörner brauchen kein Gold. Weiß auch jeder. Und das Schaf hatte keine Lust zum Goldsuchen, hatte genug mit Grasfressen zu tun. Mäh!
Das Knopfmännchen aber dachte sich, dass so ein kleiner Reichtum ganz nett wäre, und wollte sich auf die Suche machen. Fortan verbrachte es viel Zeit damit, nach einem Regenbogen Ausschau zu halten. Und träumte dabei vom kleinen Reichtum und vom sorglosen Leben. 
Wenn das Schaf vorbeikam und fragte, ob es wohl mitkommen wolle zur Blumenwiese, lehnte das Knopfmännchen ab, denn es hatte keine Zeit. Musste Ausschau halten, klar. Auch den wunderbunten Geschichten des Einhorns wollte es nicht lauschen, denn Lauschen lässt die Sinne tanzen und das stört beim Ausschauhalten.
Einmal kam ein langer Regen und es tropfte und plitscherte viele Tage und wollte gar nicht aufhören. Die endlose Plitschermelodie machte das Knopfmännchen ganz schläfrig und es nickte ein wenig ein.
Als es endlich aufhörte zu regnen und die Sonne hinter der großen, grauen Wolke hervorblinzelte, da war es für einen Augenblick ganz still. Grad als ein letzter Tropfen vom grünsten Blatt des Haselstrauchs glitt und mit einem leisen "Plitsch!" auf dem Boden landete, erwachte das Knopfmännchen. Die Regenwürmer streckten ihre Köpfe aus der nassen Erde, das braune Huhn rannte gackernd über den Hof und freute sich auf ein Festmahl und auch die Amseln kamen herbeigezwitschert. Das Knopfmännchen aber sah und hörte nichts von alledem, denn es hatte natürlich sofort weitergemacht mit dem Ausschauhalten. Und dann war er plötzlich da: rot und gelb und grün und blau und lila spannte sich ein ganz fabelhafter Regenbogen über das Land. 
Das Knopfmännchen stolperte los, machte am Hoftor noch einmal kehrt und holte den Spaten. Denn wer einen Topf mit Gold ausgraben will, braucht einen Spaten. 



Und dann rannte das Knopfmännchen. Es rannte und rannte. Über die weiten Wiesen, am Fluss entlang und über die Hügel beim großen Wald. Wohl ungefähr genau auf halber Strecke schaute es sich einmal um, ob da denn noch jemand auf dem Weg war, um das Gold zu finden. War aber keiner, Glück gehabt!
Doch als es sich wieder umdrehte, um weiter zu rennen, war der Regenbogen verschwunden. Das Knopfmännchen schaute und suchte in alle Richtungen, aber vom Regenbogen war nichts mehr zu sehen. Kein Regenbogen, kein Topf mit Gold - Pech gehabt!
Betrübt machte sich das Knopfmännchen auf den Heimweg, hielt aber zwischendurch schon wieder Ausschau. Man kann ja nie wissen. Und beim nächsten Mal wollte es auf jeden Fall schneller sein.



Zuhause holte das Knopfmännchen das Fahrrad aus dem Gartenschuppen, lehnte es an den Zaun und stellte den Spaten daneben bereit. Dann hielt es wieder Ausschau, träumte vom kleinen Reichtum und vom sorglosen Leben und wurde ein wenig nass, denn es begann wieder zu regnen. Aber nur ein wenig. Und als kurz darauf ein neuer, mindestens genauso fabelhafter Regenbogen zu sehen war, sprang das Knopfmännchen aufs Rad, schnappte dabei den Spaten und strampelte los. 



Wieder schnurstracksgeradewegs in Richtung Regenbogenende. Wieder über die weiten Wiesen, am Fluss entlang und über die Hügel beim großen Wald.
Das letzte Stückchen durch den großen Wald musste es sein Fahrrad schieben, weil das Unterholz so dicht und der Weg so hucklig war. Endlich, auf der Lichtung beim kleinen See, konnte das Knopfmännchen es sehen: das Ende des Regenbogens! Ganz nah bei der schlanken Birke senkten sich die Farben durch einen feinen Nebelschleier ins Gras. Das Knopfmännchen ging hinüber, stellte sein Rad ab und lehnte sich an den Regenbogen, denn es wollte vor dem Graben ein wenig verschnaufen. 



Es schloss die Augen und träumte ein letztes Mal vom kleinen Reichtum und vom sorglosen Leben - und purzelte rücklings ins feuchte Gras. Verflixt und zugekleistert, nun war der Regenbogen schon wieder verschwunden und wo kein Regenbogen ist, kann man sich nicht anlehnen. Puh! 
Das Knopfmännchen rappelte sich auf, suchte nach dem Spaten und wollte nun aber auf jeden Fall sofort anfangen zu graben, da stand plötzlich das Einhorn vor ihm. 



"Was machst du denn hier?" fragte das Einhorn.
"Ich will das Gold finden", sagte das Knopfmännchen.
"Oh, das will ich auch", antwortete das Einhorn. "Da können wir es ja zusammen finden. Komm mit!"
Das Knopfmännchen folgte dem Einhorn zum Waldrand. Dort setzten sie sich auf einen großen Stein. "Es dauert nicht mehr lang", sagte das Einhorn und schaute zu den großen Hügeln hinüber. "Sieh nur!" Das Knopfmännchen schaute zu den großen Hügeln hinüber. Und gemeinsam sahen sie, wie sich die Sonne ganz langsam senkte, ihre letzten warmen Strahlen über die Hügel und den Wald schickte und die ganze Lichtung in ein wundervoll goldenes Licht tauchte. Das Gold hing in den Zweigen der Birke wie kleine, blinkende Taler, es ließ den Nebelschleier glitzern und funkelte über dem kleinen See, leuchtete aus den Gräsern und war einfach überall. Es war mehr Gold, als je in einem Topf hätte sein können.
Dem Knopfmännchen wurde ganz warm im Bauch von dem vielen Gold, da sagte das Einhorn: "Komm, lass uns noch ein paar andere Farben sammeln für die wunderbunten Geschichten!" 



Das Einhorn führte das Knopfmännchen zum Birkenrindenweiß, zeigte ihm ein Kleckschen Schneckenhausgelb, ein leuchtendes Käfersmaragd und ein Vogeleierschalenblau. Sie fanden Steingrau, Moosgrün und Flechtengelb, Glockenblumenblau, Regenwurmrosa und Wegerichbraun. Am See entdeckten sie Schilfgrün und Libellenblau, Sumpfdotterblumengelb und Krötenbraun, vom Waldrand nahmen sie noch ein wenig Vogelbeerenrot und Farngrün und von der Lichtung sammelten sie Nebelschleiersilber, so viel sie tragen konnten. 
Das Knopfmännchen war ganz berauscht von all den Farben und fühlte sich so wunderbunt wie schon lange nicht mehr. "Komm", sagte es zum Einhorn, "lass uns heimgehen!" 



Und so gingen sie nach Hause. Über den Regenbogen, denn der war - so seltsam das klingt - wieder da und fabelhafter als je zuvor.


*


Bis bald!
diefahrradfrau

Kommentare:

  1. Zauberhaft..... Ich bin ganz leise und sehr berührt
    Herzlichst
    yase

    AntwortenLöschen
  2. Danke, für diese wunderschöne wunderbunte Geschichte!! ☺

    AntwortenLöschen
  3. Wunderschön …!
    Liebe Grüße
    Pia René

    AntwortenLöschen
  4. Ach klasse deine Bildergeschichte - sie hat mich sehr gefreut und der Spaten ist der Knaller! Liebe Grüße - Bärbel ☼

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Christiane,
    in deinen ersten Worten im Post erkenne ich mich wieder so ergeht es auch mir,
    nur, dass es bis jetzt keine großen Geschichten sind, so schön gemalt und illustriert wie bei dir hier...Ich bin ganz begeistert von deiner feinen Art
    Worte in Geschichten zu fügen und dazu so schöne Bildgestalten zu kreieren...
    Total rührend, hab lieben Dank!
    Einfach toll!
    Lieben Dank auch für deinen Besuch und die lieben Worte,
    herzlichst
    Monika*

    AntwortenLöschen
  6. Die Geschichte ist echt schön, mit den putzigen Bildern umso schöner!

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für deinen Kommentar!